Konstantin Tischendorf und der Codex Sinaiticus

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Tischendorf_um_1870Konstantin Tischendorf (1815 – 1874) gehört unter Theologen zu den größten Gelehrten des 19. Jh. Er entdeckte u. a. den „Codex Sinaiticus,“ eine sehr gut erhaltene griech. NT- Handschrift aus dem 4. Jhdt., die heute von vielen eine der „besten“ Handschriften genannt wird und oft zum Korrigieren des traditionellen NT hergenommen wird.

Stellvertretend für viele singt Prof. Dr. Otto Paret ein Loblied auf ihn:

Tischendorf […] ist aber nicht nur durch diese Entdeckung berühmt geworden, er hat den Kodex entziffert und veröffentlicht und ebenso viele andere alte Handschriften der Bibel. Er gehört zu den Männern, die sich um die Kenntnis des Buches der Bücher besonders große Verdienste erworben haben… (1)

Nach einem Studium an der Universität Leipzig sah es Konstantin (von) Tischendorf (2) als seine Berufung an, das NT gegen Angriffe zu schützen, indem er den Text des NT rekonstruierte. Er schreibt:

Endlich bin ich am Vorabend der Vollendung des NT. .. Vor mir steht eine heilige Lebensaufgabe, das Ringen um die ursprüngliche Gestalt des Neuen Testaments. (3)

Sein Schwiegersohn L. Schneller tritt ganz in die Fußstapfen des berühmten Schwiegervaters:

Und doch war hier endlich der Ritter gekommen, der das Dornröschen der alten Handschrift aus 1000jährigem Schlaf erwecken sollte.  (4)

Tischendorf forschte tatsächlich in den bedeutendsten Bibliotheken Europas: Paris, London, Venedig, Mailand, Turin, Modena, Florenz, Neapel, Rom. Man pries ihn als neuen Stern auf dem Gebiet der Paläographie (Kunde ältester Schriften). Als alle Büchereien des Abendlands durchforscht waren, richtete er seinen Blick auf das Morgenland.

Im April 1844 reiste er von Italien nach Ägypten ab. Da viele Klöster von den Scharen Mohammeds geplündert worden waren, zog es ihn in den Sinai. Dort steht das 1300jährige Katharinenkloster (erbaut 530 n. Chr.), das nie zerstört worden war. Hier hoffte er auf die Möglichkeit, einen Schriftenschatz aus dem frühesten Christentum aus dem „Dornröschenschlaf“ zu wecken.

Mit hochgespannten Erwartungen betrat Tischendorf diese Bibliothek, das Ziel seiner langjährigen Sehnsucht. Rings an allen vier Wänden standen auf hölzernen Ständern geschriebene und gedruckte Bücher. Hier mußte der Schatz liegen. Buch für Buch nahm er herunter und prüfte es aufs eingehendste. Aber wenn er auch manches Wertvolle fand, ein geschriebenes NT war nicht da. Recht enttäuscht gab er es endlich auf zu suchen. Er hatte ja alles gesehen, was er mit so brennendem Verlangen gesucht hatte.

Als er schon entmutigt hinausgehen wollte, sah er mitten in dem Raum einen mächtigen Papierkorb stehen, der mit allerlei Abfällen, Papieren und Buchresten gefüllt war. Um nichts zu versäumen, leerte er den Korb und prüfte seinen Inhalt. Lächelnd stand der Bibliothekar Kyrillos dabei und sagte: ‚Schon zweimal ist dieser Korb in der letzten Zeit mit solchem alten Zeug gefüllt gewesen, aber wir haben alles ins Feuer geworfen, damit es uns nicht länger im Wege stehe. Auch diese dritte Füllung soll demnächst ins Feuer wandern.’ Währenddessen nahm Tischendorf ein Stück nach dem andern in die Hand und prüfte es.

Da durchfuhr es ihn plötzlich mit freudigem Schreck. Da lag im Korb eine Anzahl von griechisch beschriebenen Pergamentblättern von größtem Format! Sein geübter Blick erkannte sofort, dass sie von höchstem Alter sein mussten. Er kannte ja von seinen europäischen Forschungen her die Merkmale der ältesten Handschriften. Es war kein Zweifel, hier lag eine Schrift von urältestem Adel vor ihm. In tiefster Bewegung prüfte er den Inhalt. Und was fand er? Es waren 129 große Pergamentblätter aus der Septuaginta, der bekannten griech. Übersetzung des Alten Testaments. Es war ja freilich nicht das Neue Testament, das zu suchen er ausgezogen war. Aber auch dieser Fund war von allergrößtem Wert. (5)

Bei einem dritten Besuch des Katharinenklosters im Jahre 1859 fand er weitere 198 Blätter des AT sowie das komplette NT in einer uralten Fassung. Dieser Fund wurde später als „Codex Sinaiticus“ zusammengefasst und von Tischendorf als ein „Schatz von unbezahlbarem Wert“ bezeichnet.

Es ist zu beachten, dass diese Entdeckung in einem orthodoxen Kloster stattfand. Ein Christ beschreibt seinen Eindruck dieser Stätte (1987) wie folgt:

Meine Frau und ich nahmen an einer Expedition teil, die den Berg Sinai bestieg. Auf dem Herabweg besichtigten wir das Kloster der Heiligen Katarina am Fuß des Berges. Ich war betroffen von dem unheimlichen und sogar satanischen Aussehen dieses Klosters. Die Schädel toter Mönche aus allen Jahrhunderten sind in einem großen Raum aufgehäuft. Dieser Haufen Schädel ist über zwei Meter hoch. Das Skelett eines Mönchs ist an eine Tür neben diesem Schädelhaufen gekettet, als zeitlose Wache sozusagen. In der Sakristei des Klosters hängen Straußeneier an der Decke, Lampen erleuchten die gespenstische Atmosphäre nur spärlich, und seltsame Zeichnungen und unbiblische Gemälde verzieren das ganze Gebäude. […] Als ich vor dem Schaukasten stand, in dem sich der Sinaiticus befunden hatte, […] hatte ich den bestimmten Eindruck, dass nichts, was geistliches Licht brächte, von diesem Ort kommen könnte. (6)

Der Herausgeber fügt hinzu:

Sogar die umnachteten Mönche, die an diesem dämonisch bedrückten Ort wohnten, hielten es [den Codex Sinaiticus] nur für des Verbrennens würdig. (7)

Auch zu Tischendorfs Zeit blieben negative Reaktionen auf den Fund nicht aus. Es liegt in der Natur des Menschen, Neues zunächst kritisch aufzunehmen. Als die Badewanne erfunden wurde, meinten einige Ärzte, sie solle für den Privathaushalt verboten werden!

Bibelgläubige Christen haben hier einen Vorteil. Anstatt ratlos zwischen „Für und Wider“ zu schwanken, können wir die Bibel als Maßstab aller Dinge betrachten und sollten in der Lage sein, schnell zu beurteilen, in welche Richtung der Fortschritt führt bzw. was zum Segen GOTTES verwandt werden kann und was nicht.

Es ließen sich drei Hauptkritiker vernehmen. In England behauptete ein Mann namens Simonides, er habe die Handschrift als Geschenk für Kaiser Nikolaus selbst angefertigt. Er wurde bald als Betrüger entlarvt.

In Russland kritisierte ein Mönch namens Prophyrius Uspenski den Text der Handschrift selbst, da hier

Christus weder der Sohn der Jungfrau Maria, noch der Sohn Gottes sei, auch nicht habe, was der Vater hat, dass er nicht der Sünderin verziehen habe und nicht gen Himmel gefahren sei. (8)

Wie gehabt, treue Zeugen, die die Auslassungen kritisierten, gab es schon immer!

Schließlich meldete sich ein evangelischer Theologe im sächsischen Kirchen- und Schulblatt zu Wort. Der Originalartikel liegt uns leider nicht vor, nur Tischendorfs Erwiderung. Der wirft dem Theologen vor:

…de[n] unverständlichen Eifer einer bornierten Gläubigkeit, die an dem nach […] Erasmus zu allgemeiner Verbreitung gelangten neutest. Urtext […] mit kindischer Gottesfurcht hängt. (9)

Ein Vorwurf, den ich mir gerne machen lassen würde!

Natürlich kann man einen Konflikt erst dann fair beurteilen, wenn man beide Seiten gehört hat. Lassen wir also Tischendorf für sich selbst sprechen:

Haben doch gewisse Leute schon längst gemeint, die ganze kritische Wissenschaft sei nichts als eine Ketzerei: aus den alten vergilbten Pergamenten könne nichts Gutes kommen; denn bringen sie, was wir schon haben, wozu brauchen wir sie? Bringen sie aber etwas anderes, so sind sie nach Omars 10 Grundsätzen am Besten im Feuer aufgehoben. Ist’s doch in der That auch viel bequemer, sich eine von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgeschleppte Krankheit gefallen zu lassen, als im Staube der Bibliotheken von Ost und West, von Nord und Süd so bedenkliche Heilkräfte aufzuspüren. (11)

Diese Einstellung klingt recht fortschrittlich und scheint begrüßenswert zu sein. Wir sehen nur ein kleines Problem: was der große Gelehrte als „fortgeschleppte Krankheit““ bezeichnet, ist das Neue Testament mit dem Evangelium unserer Seligkeit! Ob Herr Tischendorf trotz aller Frömmigkeit diesem Evangelium teilhaftig geworden war?

Trotz alledem hat die Gnade des Herrn die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches gewährt, und schon jetzt tritt jene ehrwürdige Greisengestalt, auf deren Haupte 1500 Jahre lasten, in schöner Verjüngung und mit dem Kranze des Siegers geschmückt, fröhlich in die Welt. Sie erstand aus langer Grabesnacht, um den Geschlechtern dieser Zeit, so viel ihrer nach den Worten des ewigen Heils verlangen, als ein treuer, als ein Urzeuge von diesen Worten, wie sie aus der Hand der Apostel gegangen, nahe zu treten. (12)

Tischendorf scheint sich hier aufrichtig zu freuen, dass seine Arbeit am NT den Menschen nützen wird. Allein es bleibt die Frage, wie er auf die Idee kam, die Bibel sei jemals im Grabe gewesen?

Tischendorf fährt fort:

Sodann sollte das noch so vernachlässigte Gebiet der christlichen Apokryphen, die mit der Geschichte des heiligen Textes in engem Zusammenhange stehen und reiches Licht über Dogmengeschichte, kirchliche Gebräuche, christliche Kunst verbreiten, durch die ausgedehntesten Quellenforschungen aufgehellt und bereichert werden. […] Ferner erschien, nach einer in Holland gekrönten Preisschrift über den Ursprung und die Wichtigkeit der apokryphischen Evangelien, ein Band mit den apokryphischen Evangelien und ein anderer mit den apokryphischen Apostelgeschichten, während derjenige mit den sämtlichen noch unedirten apokryphischen Apokalypsen […] zum Drucke vorliegt. (13)

Was Tischendorf hier ernsthaft zu seiner Verteidigung anführt, wirkt bei näherer Betrachtung beinahe ironisch. So, da hat er also große Verdienste erlangt, alle möglichen „apokryphischen“ Schriften der Welt zugänglich zu machen. Meint er, damit GOTT einen Dienst getan zu haben?

2. Timotheus 4, 3-4
Denn es wird eine Zeit sein, da sie die heilsame Lehre nicht leiden werden… Und werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren.

Wir wollen die Gelehrsamkeit Tischendorf gar nicht bezweifeln, auch nicht sein Engagement an seine selbst gestellte Lebensaufgabe. Aber es fällt schwer, einen Mann, der das selig machende Evangelium (1. Kor. 15) als „Krankheit“, „Greisengestalt“ und „erstanden aus langer Grabesnacht“ bezeichnet, als GOTT ehrenden Christen zu betrachten.

Konstantin Tischendorf wollte uns glauben machen – wie viele Gelehrte von heute auch noch – GOTTES Wort sei verloren gewesen und nach langem „Dornröschenschlaf“ wieder neu entdeckt worden.

Das ist nicht mehr als ein Gelehrtenmärchen – die „Mär vom Dornröschenschlaf der alten Handschriften“ eben.

Fußnoten

(01) „Tischendorf-Erinnerungen,“ Ludwig Schneller, Verlag der St.-Johannis-Druckerei, Lahr, 1954, S. 7

(02) Tischendorf bekam als Auszeichnung für seine Verdienste vom russischen Kaiser den erblichen Adel verliehen und wird deshalb in dem Buch seines Schwiegersohnes „von Tischendorf“ genannt. Unter Theologen ist jedoch „Tischendorf“ üblich.

(03) „Tischendorf-Erinnerungen“, a.a.O., S. 11-12

(04) a.a.O., S. 23

(05) a.a.O., S. 44-45

(06) “Way of Life Encyclopedia of the Bible and Christianity”, Hrsg. David W. Cloud, Washington, 1993, S. 56

(07) a.a.O., S. 56

(08) „Die Anfechtungen der Sinai-Bibel“, Constantin Tischendorf, Leipzig, 1863 zitiert aus einem Nachdruck in „Hellenischsprachige Darstellungen der Geschriebenen“ F.H. Baader, Schömberg, 1993, S. 212

(09) „Waffen der Finsternis wider die Sinai-Bibel. Zunächst an die Leser des sächsischen Kirchen- und Schulblatts“, Constantin Tischendorf, Leipzig, 1863, zitiert aus „Hellenischsprachige Darstellungen der Geschriebenen“ a.a.O., S. 221

(10) Bei „Omar“ handelt es sich nicht um einen Druckfehler. Wir zitieren Tischendorf in Original-Schreibweise, daher auch „That“, „bornirt“ und „edirt“.

(11) „Die Anfechtungen der Sinai-Bibel“ a.a.O., S. 213

(12) „Waffen der Finsternis wider die Sinai-Bibel,“ a.a.O., S. 239

(13) a.a.O., S. 238-239

Bildnachweis:
Tischendorf: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tischendorf_um_1870.jpg
Codex Sinaiticus: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Codex_Sinaiticus_Petropolitanus_%28title%29.JPG
Katharinenkloster: Foto: Marc Ryckaert (MJJR), 22.11.2008  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Katharinaklooster_R01.jpg

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