Das Märchen vom Weihnachtsmann — ein Vertrauensbruch?

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„Mutti, Vati — gibt es den Weihnachtsmann wirklich?“ Das ist die Stunde der Wahrheit, vor der sich viele Eltern fürchten. Der siebenjährige Thomas, aus dessen Augen Enttäuschung und Kränkung sprechen, wünscht sich nichts sehnlicher als die Bestätigung, dass es die Phantasiegestalt, die all die schönen Geschenke gebracht hat, wirklich gibt — und dass seine Eltern ihn nicht angelogen haben.

Wie sich herausstellt, war es der kleine Junge von nebenan, der die grausame Wahrheit gesagt hat und Thomas‘ Eltern dadurch in eine schwierige Lage gebracht hat. Vielleicht gab es in unserer Kindheit eine ähnliche Situation.

Heute sind Feiertage weit mehr als nur religiöse Feste. Weihnachten hat sich anscheinend auch dort etabliert, wo man es nicht erwarten würde. Buddhisten in Japan, Animisten in Afrika, Juden in Amerika und Muslime in Singapur haben gleichermaßen dem beleibten, rot gekleideten Geschenkeüberbringer die Tür geöffnet. Ein religiöser Führer fragte:

Ist Weihnachten nicht zu einem weltumfassenden Feiertag geworden, der von allen beachtet wird?

Nach Meinung vieler hat Weihnachten sein westliches „christliches“ Kleid abgelegt und ist für jedermann zu einer Zeit festlicher Fröhlichkeit geworden. Im Mittelpunkt dieser Feier stehen die Kinder. Einige behaupten sogar, im Leben eines Kindes würde ohne den weihnachtlichen Zauber etwas fehlen. Anscheinend ist Weihnachten nicht mehr wegzudenken. Lehrpläne drehen sich darum; es wird im Fernsehen verherrlicht; in Einkaufszentren und in Kaufhäusern begegnet man ihm auf Schritt und Tritt, und Eltern wenden viel Geld und Zeit für dieses Fest auf. Bezahlen wir jedoch womöglich einen noch höheren Preis als den üblichen in Form eines Schuldenbergs?


Das
Märchen vom Weihnachtsmann  ein Vertrauensbruch?

„Ich glaube nicht an Gott“, sagte der siebenjährige John zu seiner Mutter. In einem Artikel der Zeitung The WorldHerald wird der Grund dafür erklärt:

Es scheint, daß John gerade zuvor erfahren hatte, daß es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Vielleicht gebe es dann auch keinen Gott, erklärte er seiner Mutter.

Der heute 25jährige John sagt über seine damalige Enttäuschung:

Ich denke, es kann zu einem Vertrauensbruch führen, wenn Eltern ihrem Kind erzählen, daß es den Weihnachtsmann gibt.

Wie sollte man in dieser heiklen Angelegenheit vorgehen? Experten auf dem Gebiet der Kinderforschung sind sich uneinig. Ein Experte rät Eltern, ihren Kindern im Alter von sechs oder sieben Jahren die Wahrheit zu sagen; er weist darauf hin, dass

es sich letztendlich schädlich auf die Psyche eines Kindes auswirken kann, wenn Eltern dieses Märchen aufrechterhalten.

In dem Buch „Warum Kinder lügen“ schreibt Dr. Paul Ekman:

Es besteht kein Zweifel, daß Sie als Eltern in bezug auf Einstellungen, Überzeugungen und Formen des Sozialverhaltens wie z. B. Lügen oder Betrügen einen bedeutsamen Einfluß auf Ihre Kinder ausüben …. Sobald eine Lüge das Vertrauen verletzt hat, können sich die Beziehungen zwischen Menschen verändern. Einmal verlorenes Vertrauen ist schwer zurückzugewinnen, manchmal ist es unwiederbringlich dahin.

Warum also die Täuschung aufrechterhalten, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht? Eine Familienforscherin erklärt:

Meiner Ansicht nach erleidet ein Kind eher ein Trauma, wenn ihm bewußt wird, daß seine Eltern es anlügen und täuschen, als wenn es erfährt, daß es in Wirklichkeit gar keinen Weihnachtsmann gibt.

Dr. Judith A. Boss, Professorin für Philosophie, sagt:

Es liegt in der Absicht Erwachsener . . ., Kinder in bezug auf das wahre Wesen des Weihnachtsmanns zu täuschen. . . . Indem wir Kindern erzählen, der Weihnachtsmann sei eine wirkliche Person, beflügeln wir nicht ihre Phantasie. Wir lügen sie einfach an.

Eltern sehen sich einer überaus großen Herausforderung gegenüber — einerseits wollen sie liebenswerte, glückliche Kinder heranziehen, andererseits leben die Kinder jedoch in einer Welt, in der sie von frühster Kindheit an lernen, daß man anderen nicht vertrauen sollte. „Sprich nicht mit Fremden!“; „Man kann nicht alles glauben, was im Werbefernsehen gezeigt wird“; „Sag, dass Mutti nicht zu Hause ist.“ Wie lernt ein Kind, wem es vertrauen kann? In dem Buch How to Help Your Child Grow Up heißt es:

Kleine Kinder müssen schon früh die Notwendigkeit und die Vorzüge von Ehrlichkeit erkennen, von Mut und von dem respektvollen Umgang mit anderen; diese Dinge lernen sie zuerst zu Hause.

Natürlich ist keine Familie vollkommen. Die Autorin Dolores Curran wollte jedoch herausfinden, wodurch sich gefestigte Familien auszeichnen. Dazu bat sie 551 Familienforscher, die auf unterschiedlichen Fachgebieten tätig sind, die wichtigsten Faktoren zu nennen. In ihrem Buch „Traits of a Healthy Family“ bespricht sie 15 Merkmale, die nach Meinung der Experten ausschlaggebend sind. An vierter Stelle steht „Vertrauen“. Die Autorin schreibt:

In einer glücklichen Familie gilt Vertrauen als etwas Kostbares, das mit aller Sorgfalt entwickelt und gestärkt werden will, während Kinder und Eltern die verschiedenen Phasen des Familienlebens gemeinsam durchleben.

Eltern tun gut daran, sich zu fragen: „Ist das Bestehenlassen des Märchens vom Weihnachtsmann es wert, daß unser Kind sein Vertrauen zu uns verliert?“ Unter Umständen läßt sich ein Vertrauensverhältnis nicht wiederherstellen. Doch kommt uns Weihnachten, ohne dass wir es merken, vielleicht noch auf anderen Gebieten teuer zu stehen?

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