Dürfen Schwestern sich in der Gemeinde verbal äußern?

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Ekklesiologie
Bewertung

Leserbrief: Schwester A. L. aus M. fragt:

„… meine Frage ist, ob eine Frau sich verbal in der Versammlung äußern darf … ich schweige gerne, weiß aber nicht, ob ich z. B. mitsingen darf oder auch aus der Bibel vorlesen darf oder „Amen“ sagen zu den persönlichen Gebeten der anderen. Wie ist das Schweigen der Frauen in 1. Korinther 14, 34 gemeint?“

Antwort:

Zur Beantwortung der Frage muss ich Grundsätzliches vorausschicken: Man kann nicht eine Lehre damit begründen, dass man eine einzige Bibelstelle herauspflückt und die anderen zum Thema gehörigen Stellen schweigen lässt. Erst in der Zusammenschau aller Bibelstellen zum Thema kommt man zur richtigen Auslegung. Die im Brief der Glaubensschwester aufgeführte Bibelstelle lautet:

1. Korinther 14, 34
Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen eure Frauen in den Versammlungen (der Gemeinde) schweigen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern [sie haben] in Unterordnung zu sein, so wie auch das Gesetz sagt.

Würde man es mit dieser einen Stelle bewenden lassen und darauf eine Lehre aufbauen, wäre man schon auf dem Irrweg. Hinzuziehen muss man auf alle Fälle noch 1. Timotheus 2, 12:

1. Timotheus 2, 12
Einer Frau erlaube ich nicht [autoritativ] zu lehren noch über den Mann zu bestimmen, sondern [sie hat] in der Stille zu sein …

Hier wird mit ähnlichen Worten das gleiche Thema angesprochen, nur mit einer genaueren Eingrenzung: Es wird das nicht-reden-dürfen aus 1. Korinther 14, 34 präzisiert als ein nicht-autoritatives-lehren-dürfen. Damit wird 1. Korinther 14, 34 richtig ausgelegt, dass die Frau in der Gemeinde nicht reden darf im Sinne eines autoritativen Lehrens.

Und eine dritte Bibelstelle bringt die Auslegung dann vollends in die richtige Bahn:

1. Korinther 11, 5
… aber jede Frau, die unbedeckten Hauptes betet oder weissagt, beschämt IHR Haupt, denn es ist ein und dasselbe, wie wenn sie kahlgeschoren ist …

Hier gestattet der gleiche Apostel Paulus, der den Frauen verbietet, in der Gemeinde zu reden, dass sie in der Gemeinde beten oder weissagen. Das Ergebnis dieser Zusammenschau von Bibelstellen ergibt die Auslegung, dass eine Frau zwar nicht autoritativ lehren, ansonsten sich aber äußern darf, z. b. im Beten und Weissagen usw., allerdings nur mit Kopfbedeckung. Eine vierte Bibelstelle zeigt uns dann noch, dass das Weissagen der Frau tatsächlich für die Gemeindeversammlung gilt, nicht, wie manche meinen, nur für zu Hause oder im privaten Bereich. Denn die Gaben sind nicht zum Privatzweck gegeben, sondern zum gemeinsamen Nutzen, d. h. für die Versammlung:

1. Korinther 12, 7
Jedem wird aber das offensichtliche Wirken des Geistes zum [gemeinsamen] Nutzen verliehen.

Auch die vier Töchter des Philippus haben in der Gemeinde geweissagt (Apostelgeschichte 21, 9).

Quelle: Glaubensnachrichten 07-08/2015, S. 4 (redaktionell bearbeitet)

Bildnachweis:
Das verwendete Beitragsbild steht unter folgender Lizenz: „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz“
Herzlichen Dank an Praise Poster

5 Gedanken zu „Dürfen Schwestern sich in der Gemeinde verbal äußern?

  1. Liebe Schwester,
    sicher kannst Du in der Gemeinde reden, singen, beten und auch in einer Bibelstunde Fragen stellen.
    Die genannten Bibelstellen müssen – wie geschehen – immer im ganzen Zusammenhang aller Stellen beleuchtet werden.

    Nur ein Kopftuch brauchst Du nicht – denn wir sind keine Juden, sondern Heidenchristen.

    1. @ Manfred: Die Anweisung der Kopfbedeckung richtet sich jedoch nicht an die Juden, sondern an die Heidenchristen. Korinth war die Hauptstadt Achaias. Von Caesar wurde sie 44 v. Chr. neu gegründet, nachdem sie rund 100 Jahre zuvor, im Jahre 146 v. Chr., zerstört worden war.
      Zunächst waren in dieser Stadt nur römische Kolonisten angesiedelt. Zur Zeit des Paulus hatte sich jedoch bereits ein hoher griechischer und orientalischer Bevölkerungsanteil dort breit gemacht. Darunter waren auch Juden, wie die aufgefundene Türinschrift einer Synagoge belegt. Die Juden (sofern sie sich noch nicht bekehrt hatten) gehörten jedoch nicht zur christlichen Gemeinde zu Korinth, sondern trafen sich in einer Synagoge (am Sabbat). Natürlich zog die sowohl von Westen wie auch von Osten her zugängliche Handelsstadt ganz verschiedene Kulte an und war daher stark vom religiösen Synkretismus geprägt. Die Adressaten der biblischen Anweisung waren daher die Schwestern der christlichen Gemeinde zu Korinth. (1)

      Verheiratete jüdisch-orthodoxe Frauen verbergen ihre Haare. Die Frau signalisiert damit, dass sie vergeben ist (die Kopfbedeckung hat daher eine ganz andere Bedeutung als die christliche). Die Kopfbedeckung der jüdischen Frau wird auch nicht im Neuen Testament, sondern im Talmud geregelt. Die jüdischen Frauen benutzen auch sehr unterschiedliche Kopfbedeckungen: Hut, Schal oder sogar eine (koschere) Perücke. Mit der Kopfbedeckung, wie die (heiden-)christlichen Frauen tragen sollen, hat dies allerdings nichts zu tun.

      (1) Sieger, Jörg: Der 1. Korintherbrief (http://www.joerg-sieger.de/einleit/nt/04paul/nt68.htm)

  2. Wo steht, dass 1Kor 11 sich auf eine Gemeindezusammenkunft bezieht?

    1Kor 14 verbietet das Reden – ganz allgemein – in der „großen“ Gemeindezusammenkunft.
    1Kor 11 fordert beim Weissagen und Beten zum Tragen einer Bedeckung auf. Dass dies in der Gemeinde stattfindet, wird jedoch nicht gesagt. Paulus spricht zwar von einem „Brauch der Gemeinden“, aber Gemeindebräuche gibt es auch außerhalb der großen Gemeindezusammenkunft. Die Kopfbedeckung könnte z. B. bei kleineren Gebetstreffen Brauch gewesen sein.

    1Kor 11 kann nur dann zur Relativierung von 1Kor 14 verwendet werden, wenn aufgezeigt wird, dass 1Kor 11 sich auf die große Zusammenkunft bezieht, die in 1Kor 14 Thema ist. Wenn dies bewiesen wird, dann ändere ich natürlich gerne meine Meinung.

  3. Folgend eine Anmerkung zu Apg 21,9 v W McDonald:

    Philippus »hatte vier Töchter, Jungfrauen, die weissagten«. Das bedeutet hier, dass sie vom Heiligen Geist begabt waren, direkt Botschaften vom Herrn zu empfangen und sie anderen weiterzugeben. Einige haben aus diesem Vers geschlossen, dass es Frauen erlaubt sei, in der Gemeinde zu predigen und zu lehren. Da es aber der Frau ausdrücklich verboten ist, in der Gemeinde zu lehren bzw. zu sprechen oder über den Mann zu herrschen (1. Kor 14,34.35; 1. Tim 2,11.12), kann hieraus nur geschlossen werden, dass der prophetische Dienst dieser vier jungfräulichen Töchter zu Hause oder in anderen nichtgemeindlichen Zusammenkünften ausgeübt wurde.
    Genauso wie jede Schwester zum Gebet Amen sagt, singt sie auch die Lieder mit. Was Beten und Liedvorschlagen in der Gemeinde betrifft, wird sie geschmückt und geehrte mit der Gesinnung von 1. Petr 3,4

     

     

    1. Einige Gedanken zu MacDonalds Auslegung:

      Die Gabe der Weissagung (oder Gabe der Prophetie) ist immer eine Gabe, die im Gottesdienst praktziert wird. Als Schlüsselwort zum Verständnis dieses Charismas soll uns 1. Korinther 14, 3-5 dienen:

      Der prophetisch Redende dagegen redet zu Menschen zu ihrer Erbauung und Ermahnung und Tröstung. Der Zungenredner erbaut sich selbst, der prophetisch Redende dagegen erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr allesamt mit Zungen redetet, aber noch lieber, dass ihr prophetische Redegabe besäßet.

      Das griechische Wort für „Prophet“ setzt sich aus den zwei Begriffen PRO und PHEMI zusammen. Die Bedeutung ist: Für jemand die Stimme erheben, als Bote für jemanden zu sprechen. Das hebräische Wort NABI hat den gleichen Sinn: Als Bote eine Botschaft weitergeben. Aus diesem Grund kann zu Mose gesagt werden:

      Aaron soll dein Prophet sein,

      d. h.

      Aaron soll an deiner Stelle reden.

      So ist Weissagung ein Reden im Auftrag des HERRN an die Gemeinde.

      Wenn Philippus‘ Töchter nur sich selbst geweissagt hätten, dann hätte die Weissagung ihr Ziel verfehlt.

      Ein weiterer Punkt ist noch zu beachten: Die Gemeinde traf sich damals fast immer in Privathäusern, d. h. die künstliche Unterscheidung zwischen einer „Privatversammlung“ und einer „Gemeindeversammlung“ in einem „Gemeindhaus“ war damals nicht gegeben.

      Darüber fand der Gottesdienst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Optionally add an image (JPEG only)