JHWH

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Das Wort יהוה (gewöhnlich Deutsch JHWH, je nach Umschrift aber auch YHWH) ist im hebräischen Bibeltext der Bundesname Gottes. Sowohl die Aussprache als auch die sprachliche Herkunft des Wortes sind unklar.

Die Verwendung eines konkreten Eigennamens macht deutlich, dass Gott in der Bibel nicht nur als unpersönliches Lebensprinzip oder unerreichbare Wesenheit gesehen wird, sondern als ein persönlicher Gott, der zu den Menschen in Beziehung tritt: nach dem Alten Testament im Bund mit dem Volk Israel, und nach dem Neuen Testament zusätzlich in Jesus Christus.

Vorbemerkung: Der Name JHWH in Bibelübersetzungen

Bereits zu biblischer Zeit entwickelte sich die bis heute weit verbreitete Praxis, den Namen nicht auszusprechen und Ersatzlesungen zu verwenden. Die meisten deutschen Bibelübersetzungen geben den Namen JHWH daher mit „der HERR“ oder auch „der Ewige“ wieder. Einige Übersetzungen verwenden jedoch eine Umschrift einer möglichen (z.B. „Jahwe“) oder mit Sicherheit falschen („Jehova“) Aussprache.

Ein Teil des Judentums weitet den Respekt vor dem Gottesnamen auf andere Gottesbezeichnungen sowie auf Papier aus, auf denen diese geschrieben oder gedruckt sinda. Bei der Erstellung von Material für gemeinsame Veranstaltungen empfiehlt sich daher eine Absprache im Vorfeld.

Die Vielfalt unterschiedlicher Traditionen im Umgang mit dem Gottesnamen und anderen Gottesbezeichnungen macht es unmöglich, eine für alle zufrieden stellende Lösung zu finden. Darum ist es von Vorteil, dass die Lizenz der Offenen Bibel Bearbeitungen explizit erlaubt.

Biblische Deutungen des Namens

JHWH und Sein Volk

In der hebräischen Bibel gibt es mehrere hundert Stellen, wo der Name JHWH mit einer kurzen Gottesprädikation kombiniert wird. Die zwei häufigsten Prädikationen sind „JHWH, der Israel aus Ägypten geführt hat“ (und ähnlich) sowie „JHWH, der Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob“ (und ähnlich). Der Bund zwischen JHWH und seinem Volk ist also eine zentrales Element der biblischen Rede von Gott und speziell der Rede von Gott als JHWH.

Hinsichtlich seiner Häufigkeit wird der Satz „JHWH hat Israel aus Ägypten, aus der Sklaverei geführt“ von manchen Alttestamentlern als wichtigste theologische Aussage des Alten Testaments beschrieben.b Der Bekenntnissatz beschreibt die „grundlegende Erwählungstat“c, die den Bund zwischen JHWH und seinem Volk konstituiert. Zugleich enthält er mehrere zentrale Aussagen über den biblischen Gott:

  • JHWH ist ein befreiender Gott, der sein Volk aus der Sklaverei herausführt.
  • JHWH ist ein Gott, der in der Geschichte handelt.
  • JHWH ist ein Gott, der zu seinem Volk in konkrete Beziehungen tritt.

Die Beschreibung JHWHs als „der Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob“ macht deutlich, dass JHWHs Bund mit seinem Volk kollektive und individuelle Aspekte hat. Der Bund bezieht sich auf das ganze Volk Israel und zeigt sich zugleich in der Lebensgeschichte konkreter Menschen.

2. Mose 3,14: Ich Bin, Der Ich Bin

Die wichtigste Bibelstelle für eine biblische Herleitung der Bedeutung des Namens JHWH ist 2. Mose 3,14 insbesondere V. 14. Dort offenbart Gott Mose seinen Namen zunächst als אֶֽהְיֶה אֲשֶׁר אֶֽהְיֶה ehyeh asher ehyeh (meist Deutsch „Ich bin, der ich bin“) und dann als אֶֽהְיֶה ehyeh („Ich bin“, V. 14). Der Gottesname wird in V. 15 dann sprachlich deutlich mit dieser Aussage in Verbindung gebracht. Die meisten Exegetend verstehen יהוה YHWH hier als die 3. Person Singular der in der Vorstellung gebrauchten Imperfekt-Form אהיה ehyeh (1. Sg. Ipf. von היה, „sein, werden“). Neben dem Verb היה HYH kann יהוה auch als Form der arabischen Wurzel HWY („leidenschaftlich sein“, „fallen“ und „wehen, blasen“) gelesen werden.e

Aber trotz der weitgehenden Übereinstimmung bezüglich der biblischen Herleitung des Namens herrscht in der Frage nach seiner Interpretation noch große Uneinigkeit. Auch wenn man der biblischen Etymologie folgt und sich auf die Wurzel היה HYH verständigt, bleibt unklar, um welche Stammesmodifikation es sich hier handelt: Qal oder Hifil? Qal ist die Grundform, Hifil gibt dem Stamm eine kausative Sinnrichtung. Im Fall von היהHYH macht das Hifil also aus „ich bin/werde“ „ich mache/sorge dafür, dass [etwas] ist/wird“. Zudem kann ehyeh asher ehyeh Präsens oder Futur sein. Gesetzt den Fall, dass man sich auf יהוה YHWH als Form der Wurzel HYH verständigt, sind unter anderem folgende Deutungen möglich:

  • Ich bin, der/was/wie ich bin (Qal)
  • Ich verursache, was/wie ich verursache (Hifil)
  • Ich werde sein, was/wie ich sein werde (Qal Futur)
  • Ich werde verursachen, was/wie ich verursachen werde (Hifil Futur)
  • Ich bin, der/was/wie ich sein werdef
  • Schule gemacht hat v.a. in Amerika der Vorschlag Albrights und Haupts (´ahyeh ´asaer yihyaeh), Ex 3,15 zu lesen als „Er verursacht, was ins Sein kommt.“ (Hifil und Qal)g
  • Ich werde wirkend sein, wie ich wirkend sein werde.

Die zehn Gebote

Die zehn Gebote betonen die zentrale Stellung des Namens:

2. Mose 20, 2.3.7
Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei geführt hat. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben … Du sollst JHWHs, deines Gottes, Namen nicht unnütz gebrauchen, denn JHWH wird denjenigen nicht für unschuldig erklären, der seinen Namen missbraucht.

Mit diesen beiden Geboten wird die Bedeutung des Namens in zweifacher Hinsicht betont:

1. Der Name dient zur eindeutigen Identifikation JHWHs als des Gottes, der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat. Diese Identifikation korrespondiert mit dem Verbot, andere Götter zu verehren. Der Eigenname verhindert eine Verwechselung mit anderen Göttern.

2. Ein Missbrauch dieses Namens wird verboten. Auch andere Bibelstellen verbieten es, den Namen durch unwürdigen Gebrauch (beim Schwören: 3. Mose 19, 12 beim Fluchen: 4. Mose 24, 15f. zu profanisieren.i

JHWH als „Gott schlechthin“ – und andere Gottheiten

Der Eigenname JHWH für den Gott der Bibel wirft die Frage nach der Existenz anderer Götter auf, die sich gut am Gebrauch der Wörter „El“ (Gott) und „Elohim“ (Gott, Götter) zeigen lassen. Beide Wörter beziehen sich im Normalfall auf JHWH, manchmal aber auch auf andere Götter.

Das Wort „El“ (Gott) ist sprachlichgeschichtlich zunächst als Anrede an einen Gott (unabhängig von dessen Namen) belegt. Im kanaanäischen Pantheon ist „El“ darüber hinaus auch der Eigenname des höchsten Gottes.j Die Gleichsetzung von JHWH mit „El“ besagt also mindestens, dass JHWH der höchste Gott ist – oder darüber hinaus, dass JHWH der einzige (oder der einzige bedeutsame) Gott ist.

Bei dem Plural-Wort „Elohim“ ist die Situation ähnlich: Fast immer bezieht es sich auf JHWH und wird dann im Sinne von „Gott schlechthin“ verstanden.k JHWH als die einzige wesentliche Gottheit dargestellt. Verstärkt wird diese Tendenz zum Monotheismus zudem durch Bibelstellen mit universalistischer Ausrichtung. Die biblische Gesamtperspektive ist daher eindeutig monotheistisch.

Dieser monotheistischen Tendenz stehen jedoch einzelne Bibelstellen gegenüber, an denen sich die Wörter „El“ und „Elohim“ auf andere, von JHWH unterschiedene Gottheiten beziehenl. Eine Verehrung anderer Götter durch Israel wird durchgehend negativ bewertetm, in Bezug auf Menschen außerhalb Israels gibt es jedoch auch Bibelstellen mit einer neutralen Beschreibung des Polytheismusn.

Gemeinsam ist diesen unterschiedlichen Perspektiven, dass die anderen Götter im Vergleich zu JHWH keinerlei Bedeutung haben. Bei allen Bibelstellen ist es angemessen, die anderen Gottheiten als nichtig zu beschreiben. Ob diese nichtigen Götter als unbedeutende Wesen existieren, oder ob sie eine reine Fiktion sind, ist für die alleinige Orientierung an JHWH nebensächlich.

5. Mose 6,4: Einzig und allein JHWH

Die Frage des Monotheismus ist auch zentral für die Deutung von 5. Mose 6, 4: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד

Diese Bibelstelle steht am Anfang des „Schma Jisrael“ (ein zentraler Text des Judentums) und kann sehr verschieden übersetzt werden.

Möglichkeiten sind u.a.:

  • JHWH ist unser Gott, einzig [und allein] JHWH. (Monolatrie: Alleinverehrung JHWHs)
  • JHWH ist unser Gott. JHWH ist der einzige [Gott]. (Monotheismus in Abgrenzung zum Polytheismus)
  • JHWH, unser Gott, ist [genau] ein JHWH. (Abgrenzung zur Annahme mehrerer JHWH-Götter)
  • JHWH, unser Gott, ist ein einiger JHWH. (jüdische Deutung: Abgrenzung zur Trinitätslehreo)
  • JHWH ist unser Gott, der einzigartige JHWH. (Henotheismus: JHWH als der höchste Gott)

Es ist nicht auszuschließen, dass mehrere dieser Varianten gemeinsam das beste Verständnis der Bibelstelle umschreiben.

Eine weitere Frage ist die Zuordnung der beiden Sätze bzw. Satzhälften. Ist JHWH in erster Linie als „unser Gott“ zu beschreiben, oder in erster Linie als „der Eine/Einzige/Einzigartige“, oder sind beide Perspektiven gleich wichtig?

Die Antwort hängt davon ab, aus welcher Perspektive man auf diesen Text schaut. Judentum und Christentum teilen die Überzeugung, dass JHWH der einzige Gott ist und als einziger angebetet werden darf. Viele Juden und Christen sind außerdem der Überzeugung, dass sich der Satz „JHWH ist unser Gott“ auf beide Religionen bezieht. Unterschiedliche Positionen gibt es hingegen bei der (Drei-)Einigkeit.

JHWH und „der HERR“

In den meisten Bibelübersetzungen wird der Gottesname als „der HERR“ wiedergegeben. Dies geht zurück auf eine Besonderheit im biblischen Text.

Ketib und Qere

Bereits zu spät-biblischer Zeit war es üblich, den Gottesnamen aus Respekt nicht auszusprechen und statt dessen Ersatzlesungen zu verwenden. In den biblischen Handschriften stehen daher die Buchstaben des Gottesnamens יהוה gemeinsam mit diakritischen Zeichen (Punktierung) für die Ersatzlesungen. Dasselbe Vorgehen wurde von den Tradenten des Bibeltextes angewandt, wenn sie an einer Bibelstelle unsicher waren, welche Lesart die richtige ist. Beim Übersetzen des Bibeltextes muss stets entschieden werden, ob man den Buchstaben („Ketib“: das Geschriebene) oder der Punktierung („Qere“: das Gelesene) folgt.

Biblische Ersatzlesungen

Die häufigste biblische Ersatzlesung ist אֲדֹנָי (Adonai) – ein Begriff, der in der Bibel auch sonst oft als Gottesbezeichnung verwendet wird und mit mein Herrp übersetzt werden kann. In dem Wort spiegelt sich eine Beziehungsaussage: יהוה wird als der Herr bekannt, dem der Leser des Bibeltextes vertrauen kann und der allen anderen Herren überlegen istq. Zugleich verweist die biblische Ersatzlesung darauf, dass Gott sich in besonderer Weise als der Herr Israels erweist: „Daß Gott ‚Herr‘ genannt wird, ist folglich Ausdruck der biblisch-theologischen Einsicht, daß Gott nicht anders als in Beziehung zu seinem Volk gesehen werden kann.“r

Bei der Ersatzlesung אֲדֹנָי wird das Possesivsuffix der ersten Person („mein“) selbst in der Gottesrede verwendet:

5. Mose 5, 6
Ich bin יהוה/Mein Herr, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten.

Die sprachliche Form betont so, dass אֲדֹנָי keine Übersetzung des Namens ist, sondern auf ihn verweist.

An manchen Bibelstellen steht der Gottesname יהוה direkt neben dem Wort אֲדֹן („Adon“, Herr). Um sprachliche Doppelungen zu vermeiden, wird dann in den biblischen Handschriften auf das Wort אֱלֹהִים („Elohim“, Gott) ausgewichens.

Die Ersatzlesungen אֲדֹנָי und אֱלֹהִים werden bis heute im jüdischen Gebet verwendet. Außerhalb des Gebetes verwenden viele Juden andere Ersatzlesungen. Die bekannteste ist הַשֵׁם („Haschem“, der Name).

Altgriechische Bibel

Die altgriechische Bibel (Septuaginta (LXX) / Neues Testament) folgt meistens der Tradition der Ersatzlesungen und gibt den Gottesnamen mit ὁ κύριος (der Herr) oder mit ὁ θεός (der Gott) wieder.

Einzelne griechische Handschriften haben den Gottesnamen in hebräischen Buchstaben oder ahmen die hebräischen Schriftzeichen יהוה mit griechischen Buchstaben (ΠΙΠΙ) nacht.

Aussprache

Auch die Aussprache von יהוה ist völlig unsicherv. Die Vielfalt der frühen Umschriften ist ein Hinweis darauf, dass die Aussprache bereits zur Entstehungszeit der späteren biblischen Schriften nicht mehr zuverlässig bekannt war.

Die Unklarheit über die Aussprache ist möglich, weil in der hebräischen Schrift ursprünglich nur Konsonanten geschrieben wurden. Vokale wurden entweder gar nicht geschrieben oder mit Hilfe der Buchstaben י, ו und ה angedeutet. Es ist somit noch nicht einmal sicher, ob die Buchstaben des Gottesnamens als Konsonanten oder als Vokale zu lesen sind. Wegen der letzten Silbe des Wortes „Halleluja“ (Lobt Jah) ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass der Gottesname mit „Jah“ beginnt.

„Jahwe“ oder „Jaho“?

Lange Zeit wurde in der Wissenschaft vertreten, dass der Name JHWH „Jahwe“ ausgesprochen wurde, eine Kurzform JHW jedoch „Jaho“. Als Beleg wurden Zitate in altgriechischen Handschriften von Kirchenvätern genannt.w Der Kirchengeschichtler Wolfram Kinzig hat diese These durch eine ausführliche Untersuchung zu den Kirchenväter-Zitaten des Gottesnamens wiederlegt. Die Aussprache „Jahwe“ lässt sich mit den altgriechischen Texten nicht belegen. Die Aussprache „Jaho“ lässt sich sowohl für JHW als auch für JHWH zwar etwas besser belegen, aber nicht zweifelsfrei beweisen.x Sicher ist nur, dass ein großer Teil der Kirchenväter-Texte bereits die Konsonanten des Namens nicht zuverlässig überlieferty und dass es auch bei Aussagen über die Aussprache keine Einheitlichkeit gibt. Belegt sind „Jaho“ und „Iaia“, evt. „Іαω“ (Jao) sowie „Ιαου“ oder „Ιαουε“ oder „Ιαουαι“ (Jau, Jaue, Jauai).z Das für die Aussprache „Jahwe“ oft genannten „Ιαβε“ (Jabe) bezieht sich vermutlich auf ein anderes Wort (אֶהְיֶה oderיִהְיֶה).aa

Ungeachtet dieser Probleme ist sind sowohl „Jahwe“ als auch „Jaho“ mögliche Aussprachen der hebräischen Buchstaben יהוה.

„Jehowah“

Im Christentum geriet die besondere Punktierung des Namens יהוה im Lauf der Zeit in Vergessenheit. Man bezog sie nicht mehr auf das eigentlich gemeinte Wort אֲדֹנָי (Adonai), sondern setzte sie in die Buchstaben des Gottesnamens ein. Durch dieses Missverständnis entstand die Variante Jehowah (bzw. latinisiert Jehova).ab

Traditionen zum Umgang mit dem Gottesnamen

Andere Übersetzungen

In den verschiedenen modernen Übersetzungen findet man zahlreiche Wege, den Gottesnamen wiederzugeben. Oft finden sich auch mehrere Varianten in derselben Übersetzung. Die Bibel in gerechter Sprache wechselt zwischen vielen verschiedenen Ersatzlesungen in männlicher und weiblicher Form.

„der HERR“: Übersetzung der biblischen Ersatzlesung

Die meisten Übersetzungen verwenden eine Eindeutschung der biblischen Ersatzlesung. Da die extrem wörtliche Übersetzung von אֲדֹנָי als „mein Herr“ an manchen Bibelstellen sprachlich nicht funktioniert („Ich bin mein Herr, dein Gott“, 5. Mose 5, 6), wird fast immer „der HERR“ in Anlehnung an die altgriechische Bibel verwendet. Einige Übersetzungen verwenden daneben auch andere Varianten („Gott“, „Jahwe“, „mein/dein/unser/euer Gott/Herr“), wo dies aus inhaltlichen Gründen sinnvoll ist oder wo die biblischen Handschriften die Ersatzlesung (אֶלוֹהִים, „Gott“) empfehlen.

„JHWH“: Umschrift des Gottesnamens

In wissenschaftlichen Kommentaren und einigen anderen Übersetzungen begegnet neben der Ersatzlesung „Herr“ auch sehr oft eine Umschrift des Gottesnamens. Neben einer nicht-vorlesbaren Umschrift der hebräischen Buchstaben (JHWH, YHWH) gibt es auch eine Fassung mit Vokalen (Jahwe/Jahwä/Yahweh), die von der ursprünglichen Aussprache jedoch sehr wahrscheinlich abweicht. Die mit Sicherheit falsche, unwissenschaftliche Vokalisierung Jehova (Jehowa/Yehova) findet man gelegentlich in alten christlichen oder jüdischen Übersetzungen sowie in der Übersetzung der Glaubensgemeinschaft „Jehovas Zeugen“.

„der Ewige“: Inhaltliche Deutung des Gottesnamens

Ein Versuch, den Gottesnamen aufgrund einer inhaltlichen Deutung zu übersetzen, sind die Ersatzlesung „der Ewige“ (beliebt im Judentum sowie als „l’Eternel“ in Frankreich) sowie das an Ex 3,12 anknüpfende „Ich-Bin-Da“. Diese Übersetzungen lassen sich jedoch durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse nicht gut begründen.

Andere Ersatzlesungen

Die Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig verwendet als Ersatzlesung Personalpronomen („ER“, „DU“, „ICH“, „IHM“, „MEIN“, …).

In den Kirchentagsübersetzungen sowie manchen englischen, jüdischen Übersetzungen steht eine Umschrift der biblischen Ersatzlesung („Adonai“). Andere englische, jüdische Übersetzungen haben „the LORD“ oder eine Umschrift der hebräischen Wortes „Ha-Schem“ (der Name). Die Bibel in gerechter Sprache bietet außerdem eine Umschrift der hebräischen Ersatzlesungen „Ha-Makom“ und „Schechina“ als Varianten an.

Judentum

Für die jüdische Tradition ist die Heiligkeit des Gottesnamens zentral. Der Gottesname wird dabei von den meisten Juden aus Respekt nicht ausgesprochen. Im Gebet wird in der Regel die biblische Ersatzlesung „Adonai“ bzw. „Elohim“ verwendet, außerhalb des Gebetes von vielen Juden „Ha-Schem“ (der Name). Die rabbinischen Literatur betont die Heiligkeit des Namens außerdem mit Grundsätzen über das würdige Schreiben von Gottenbezeichnungenah. Auch wird Papier, auf dem der Gottesname gedruckt oder geschrieben ist, in vielen Synagogen gesammelt und auf dem Friedhof bestattetai. Inwieweit dies auch für andere hebräische oder übersetzte Gottesbezeichungen gilt, differiert sehr stark zwischen den verschiedenen jüdischen Traditionen. Einige Juden betrachten das Wort „Gott“ als ähnlich heilig und schreiben darum „G’tt“ oder „G!tt“.

Als wichtiger Schlüssel zur jüdischen Interpretation des Gottesnamens gilt 2. Mose 3,12–14 mit Gottes Zusage an Abraham (siehe oben). Eine andere Deutung dieser Bibelstelle ist eine jüdische Tradition, die den Namen יהוה als Abkürzung für die hebräischen Worte היה הוה יהיה (er war, er bleibt, er wird sein) verstehtaj. Diese Deutung spiegelt sich darin, dass viele jüdische Übersetzungen den Gottesnamen mit „der Ewige“ wiedergeben.

Die englische Übersetzung der Jewish Publication Society verwendet bisher das im englischen Sprachraum sehr etablierte „the LORD“. Zur Zeit ist eine Revision in Arbeit, bei der der Gottesname nicht mehr ersetzt, sondern in hebräischer Schrift abgedruckt werden sollak.

Verdrängung des Namens

Der christliche Umgang mit dem Gottesnamen JHWH ist in den letzten Jahrzehnten verstärkt in die Kritik geraten.

Viele Christen wissen nicht, dass Gott in der hebräischen Bibel einen Eigennamen hat, und dass das Wort „der HERR“ in den bekanntesten Bibelübersetzungen eine Ersatzlesung für diesen Namen ist. Manche Übersetzungen verzichten sogar auf eine typographische Markierung, wodurch die Existenz des Namens ganz unsichtbar wird. Auch in der christlichen Theologiegeschichte spielt die Existenz des Gottesnamens JHWH nur eine sehr geringe Rolle.

Eine sprachliche Voraussetzung für die geringe Bedeutung des Gottesnamens im Christentum ist die jüdisch-christliche Tradition, den Namen JHWH nicht auszusprechen. Im Anschluss an die altgriechische Übersetzung der hebräischen Bibel umschreibt das Neue Testament den Gottesnamen mit Ersatzlesungen oder mit Passiv-Formulierungen.

Der christlich-jüdischen Dialog hat die Frage nach JHWH als dem Gott des Volkes Israel stärker ins Zentrum der christlichen Theologie gerückt.alInsbesondere die christliche Deutung des Judentums wurde kritisch hinterfragt – einschließlich der theologischen Probleme, die sich aus einem Ignorieren dieser Frage ergeben. Eine solche „Israelvergessenheit“am kann antijüdische Tendenzen haben, wenn z.B. die Kirche als alleinige Nachfolgerin der alttestamentlichen Heilsgeschichte beschrieben wird und das aktuelle Judentum mit keinem Wort erwähnt wird.

Die christliche „Eliminierung des NAMENs“an steht vor allem deshalb in der Kritik, weil sie mit der „Ersetzung des bleibend erwählten Judentums als Volk Gottes durch die heidenchristliche Kirche als das neue Volk Gottes“ einher gehen kann.

Vertiefende Literatur

  • Raymond Abba: The Divine Name Yahweh, in: JBL 80 (4/61). S. 320-328.
  • Rainer Albertz: Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit I (=Grundrisse zum Alten Testament 8/1). Göttingen, 2 1996.
  • Aurelius Augustinus: City of God (=NPNF1-02). New York, 1890.
  • Bob Becking, Jahwe, in: Wibilex, Stuttgart 2006
  • Frank Moore Cross: Canaanite Myth and Hebrew Epic. Essays in the History of the Religion of Israel. Cambridge u.a., 1997.
  • David S. Cunningham: On Translating the Divine Name, in: Theological Studies 56 (1995). S. 415-440.
  • Cornelis Den Hertog: The Prophetic Dimension of the Divine Name: On Exodus 3:14a and Its Context, in: CBQ 64 (2002). S. 213-228.
  • Fohrer, Georg (1972): History of Israelite religion. London.
  • David Noel Freedman: The Name of the God of Moses, in: JBL 79 (2/60). S. 151-156.
  • Jaco Gericke (2012): Philosophical Translations of Exodus 3:14. A historical overview, in: Journal for Semitics 21 (1/2012). S. 125-136. – (academia.edu)
  • Wolfram Kinzig: Eigenart und Aussprache des Tetragramms bei den Kirchenvätern, in: Heinrich Assel / Hans-Christoph Askani (Hrsg.): Sprachgewinn. Festschrift für Günter Bader, Arbeiten zur Historischen und Systematischen Theologie, Band 11, Berlin / Münster 2008, S. 202–233 (Pressemitteilung hierzu)
  • Ernst Axel Knauf: Yahwe, in: VT 34 (4/84). S. 467-472.
  • André Lemaire: The Birth of Monotheism. Washington, 2007.
  • P. Kyle McCarter Jr.: Aspects of the Religion of the Israelite Monarchy: Biblical and Epigraphic Data, in: Patrick D. Miller Jr. u.a. (Hgs): Ancient Israelite Religion. Essays in Honor of Frank Moore Cross. Philadelphia, 1987. S. 137-155.
  • Brian R. McCarthy: The Characterization of YHWH, The God of Israel, in Exodus 1-15, in: J. Harold Ellens u.a.: God´s Word for Our World I. Biblical Studies in Honor of Simon John De Vries (=JSOT Supplement 388). London, 2004. S. 6-20.
  • Dennis J. McCarthy, S.J.: Exod 3:14: History, Philology and Theology, in: CBQ 40 (1978). S. 311-322.
  • Rien Op Den Brouw: The Problem of the Missing Article in the Use of ‚God‘, in: Religious Studies 30 (1/94). S. 17-27.
  • Randall J. Pannell: I Would Be Who I Whold Be! A Proposal for Reading Exodus 3:11-14, in: Bulletin for Biblical Research 16 (2/06). S. 351-353.
  • Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. München, 2000.
  • Martin Rösel: Adonaj – warum Gott ‚Herr‘ genannt wird, Forschungen zum Alten Testament 29, Tübingen 2000
  • Werner H. Schmidt: Exodus (=BKAT II/1). Neukirchen-Vlluyn, 1988.
  • Thomas von Aquin: Summa contra gentiles. Darmstadt, 3 2009.
  • Erich Zenger: Gott hat niemand je geschaut (Joh 1,18). Die christliche Gottesrede im Angesicht des Judentums, in: Bibel und Kirche 2/10. S. 87-93.
  • Lemma „Yahweh“ (K. van der Toorn), in: DDD. 2 1999. S. 910-919.
  • Liturgiam authenticam. On the Use of vernacular languages in the publication of the books of the Roman Liturgy.
  • Letter to the Bishops´ Conferences on „The Name of God“, Prot. N. 213/08/L

Fußnoten

aAriela Pelaia: „Why Do Some Jews Spell ‘God’ G-d?“
bSchmidt, Werner H.: Lemma „Gott II“, TRE, S. 611
cSchmidt, Werner H.: Lemma „Gott II“, TRE, S. 611
dvgl. z.B. Freedman 1960, S. 152.
evgl. z.B. Knauf 1984, S. 469.
fSo etwa Childs, Drubel, vgl. W.J. Drubel, Coventant & Creation: An OT Covenantal Theology, 1984, 84.
gvgl. z.B. Freedman 1960, S. 152
hvgl. Pannell 2006
iÜber mehrere hundert Jahre belegen einige Talmud-Stellen, dass das Nicht-Aussprechen des Namens von einigen Rabbinern als strenges, bei Verstoß mit dem Tod zu bestrafendes Verbot interpretiert wurde.
jCross, F.M.: Lemma אל, ThWAT, 259–260.
k„Einerseits liegt im Gebrauch von אלהים als Ersatz des Gottesnamens eine Abstraktion: Der konkret persönliche, anthropomorph aufgefaste JHWH wird mit der Gottheit schlechthin gleichgesetzt, was eine abstraktere Gottesauffassung nahelegt. Andererseits liegt diese Identifikation in einer Linie mit der monotheistischen Auffassung: Nur wenn es nur einen Gott gibt und geben kann, wird es völlig sinnvoll, den eigenen Gott als Gott schlechthin (אלהים zu bezeichnen.“ (Ringgren, H.: Lemma אלהים, ThWAT, 305.)
lSiehe auf: Ringgren, H.: Lemma אלהים, ThWAT, 291f und 295f.
mSiehe z.B. 1 Kön 18,24
nSiehe Jona 1 und mit Einschränkungen 2. Könige 5,17–18.
oSiehe z.B. die Darstellung von Pinchas Lapide (S. 12–15) in dem Buch: Pinchas Lapide und Jürgen Moltmann: Jüdischer Monotheismus – christliche Trinitätslehre. Ein Gespräch, München 1970, 9–31
p„Die biblischen Handschriften unterscheiden zwischen den beiden Wortformen Adonai und Adoni. Diese Unterscheidung ist jedoch vermutlich sekundär und beides ist gleich zu übersetzen: Es ist „davon auszugehen, daß es im unpunktierten Text keine Differenzierung zwischen den beiden Formen gegeben hat.“ (M.Rösel 2000, 31)
qM.Rösel 2000, S. 229.
rM.Rösel 2000, S. 230.
sDie in Qumran gefundenen hebräischen Handschriften verwenden häufig ganz generell die Ersatzlesung אֱלֹהִים für den Gottesnamen. (M.Rösel 2000, 2009)
tW.Kinzig 2008, 211–213.
uMcCarthy 1978, S. 315.
vW.Kinzig 2008.
wSiehe z.B. Lemma „יהוה“, ThWAT, Sp. 543.
x„Von den bisher als Beleg für die Aussprache des Tetragramms mit ‚Jahwe‘ herangezogenen Texten hält keiner der näheren Überprüfung stand. Eine möglicheAussprache scheint ‚Jahwe‘ gewesen zu sein. Daneben steht aber die Aussprache ‚Jaho‘ bzw. ‚Jao‘. Beide gehen offenbar auf die Graphie יהוה zurück. Die Graphieיהיה wurde ‚Jah-Jah‘ bzw. ‚Jeh-Jeh‘ ausgesprochen.“ (W.Kinzig 2008, 232) „Vermutlich wäre eine Aussprache ‚Jaho‘ der mit ‚Jahwe‘ vorzuziehen.“ (W.Kinzig 2008, 233)
yNeben יהוה findet man auch יהיה</font> und יהוח (W.Kinzig 2008, 231–232).
zW.Kinzig 2008, 231
aaW.Kinzig 2008, 225
abDie Frage, ob die usprüngliche Aussprache des Namens zufälliig ähnliche Vokale wie das Wort „Adonai“ hatte, kann aus linguistischen Gründen verneint werden. (Siehe Lemma „יהוה II“, ThWAT, Sp. 534f;
ahSiehe 1906 Jewish Encyclopedia: Names of God (Abschnitt Ehyeh-Asher-Ehyeh)
aiAriela Pelaia: „Why Do Some Jews Spell ‘God’ G-d?“
ajSiehe 1906 Jewish Encyclopedia: Names of God (Abschnitt Ehyeh-Asher-Ehyeh)
akD. E. S. Stein: God’s Name in a Gender-Sensitive Jewish Translation
alEvangelische Kirche im Rheinland: Den Rheinischen Synodalbeschluss zum Verhältnis von Juden und Christen weiterdenken – den Gottesdienst erneuern, Düsseldorf 2008
Klappert, Berthold: Die Trinitätslehre als Auslegung des NAMENS des Gottes Israels. Die Bedeutung des Alten Testaments und des Judentums für die Trinitätslehre, in: Evangelische Theologie 62 (2002), 54–57
amEvangelische Kirche im Rheinland 2008, 21
anB.Klappert 2008, 240
aoFranz Rosenzweig: „Der Ewige“. Mendelssohn und der Gottesname, in: Verband der Vereine für Jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland (Hrsg.): Gedenkbuch für Moses Mendelssohn, Berlin 1929, 96–114. Eine kommentierte Ausgabe findet man in: Nadine Schmahl: Das Tetragramm als Sprachfigur. Ein Kommentar zu Franz Rosenzweigs letztem Aufsatz, Tübingen 2009, S. 194–219
apF. Rosenzweig 1929, 104 (Kommentierte Ausgabe: 207)
aqF.Rosenzweig 1929, 104–105 (Kommentierte Ausgabe: 208)

Quelle

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