Gastfreundschaft

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Ekklesiologie
Römer 12, 13
Nach Gastfreundschaft trachtet!

Gastfreundschaft (bzw. Gastfrei-Sein) gehört zu den christlichen Tugenden, von der wir fünfmal in unserer Bibel lesen. Dabei ist auffallend, dass es sich dabei stets um Bibelstellen handelt, die zu dieser Tugend auffordern oder ihre Erfüllung voraussetzen. Davon richten sich zwei an Juden (Hebräer 13, 2; 1. Petrus 4, 9) und eine an Nichtjuden (Römer 12, 13). Die beiden übrigen Verse finden wir in den Pastoralbriefen (Hirtenbriefen, 1. Timotheus 3, 2; Titus 1, 8). Auf diese fünf Stellen wollen wir später kurz eingehen. Doch zunächst geht es darum, was Gastfreundschaft ist und welche Bedeutung und Wichtigkeit sie im christlichen Leben hat sowie auch um ihre praktische Umsetzung in unserem Leben.

Wie üblich bei der Beschäftigung mit Themen der Bibel ist es gut, sich zunächst einmal darüber klar zu werden, was eigentlich gemeint ist. Da das Neue Testament, in dem ausdrücklich von Gastfreundschaft gesprochen wird, auf Griechisch geschrieben wurde, ist es angebracht, sich die griechischen Grundausdrücke genauer anzusehen. Sowohl der Ausdruck „Gastfreundschaft“ als auch „gastfrei“ entstammen im Griechischen demselben Wortstamm, denn ersterer lautet φιλοξενία (PHILOXENIA), der zweite  φιλόξενος (PHILOXENOS). Beide Ausdrücke werden in unserer Bibel genau übersetzt. Wenn wir uns allerdings die Zusammensetzung der beiden Begriffe ansehen, erkennen wir, dass sie jeweils aus zwei Worten bestehen. Das eine Wort lautet „PHILO“, das andere „XENIA“. Der Wortbestandteil „PHILO“ kommt im Neuen Testament häufig vor und bedeutet, wie allgemein bekannt ist, „lieben“ oder „zugetan sein“. „XENIA“ hat die Bedeutung „fremd“ oder „landfremd“. Demnach können wir als Grundbedeutung aus der Etymologie (Stammwortkunde) der griechischen Worte „Liebe zum Fremden“ oder „zum Ausländer“ herleiten. Diese Liebe zum Landfremden äußert sich in praktischer Hinsicht natürlich am treffendsten in der Gastfreundschaft. Daher ist die Verschiebung des Bedeutungsinhalts der beiden griechischen Vokabeln durchaus nachvollziehbar.

Kommen wir nun zu dem Aspekt, warum Gastfreundschaft damals so wichtig war! Wenn wir heute größere Reisen machen, übernachten wir normalerweise in einer Pension oder einem Hotel. 

der Ausdruck „Gastfreundschaft“ als auch „gastfrei“ entstammen im Griechischen demselben Wortstamm, denn ersterer lautet φιλοξενία (PHILOXENIA), der zweite  φιλόξενος (PHILOXENOS).

 Das war in alten Zeiten anders. Es gab keine Hotels oder Pensionen im heutigen Sinn. Ja, diese gibt es auch bei uns erst seit wenigen Jahrhunderten. Die damals vorhandenen öffentlichen Lokalitäten für Reisende, in denen man essen oder übernachten konnte, waren im allgemeinen Räuberhöhlen oder Bordelle. Manche unserer alten Märchen spielen in verhüllter Form auf diese Zustände an. Wenn einige dieser „Gasthöfe“ vielleicht auch  von mehr oder weniger seriösen Herbergswirten geführt wurden, so war der Komfort dort bestenfalls äußerst dürftig, ja, überwiegend katastrophal mangelhaft. Außerdem gab (und gibt) es in vielen Gegenden der bewohnten Welt bis in unsere moderne Zeit überhaupt keine Möglichkeit, auf einer Reise unterwegs angemessen versorgt zu werden oder zu übernachten. Daher wurde in der Regel die Verpflegung für die ganze Reise von zu Hause mitgenommen. Die Nacht musste häufig in schnell aufgeschlagenen Zelten oder unter freiem Himmel zugebracht werden. Glücklich zu schätzen waren jene Reisenden, die zum Nachtquartier eine Höhle oder eine Gebäuderuine vorfanden.

Daraus können wir ersehen, wie bedeutungsvoll damals Gastfreundschaft war. Wer irgend eine Möglichkeit hatte, suchte auf seiner Reise unterwegs alte Gastfreunde oder sonstige Freunde auf, um bei ihnen unterzukommen und versorgt zu werden. 

Demnach können wir als Grundbedeutung aus der Etymologie (Stammwortkunde) der griechischen Worte „Liebe zum Fremden“ oder „zum Ausländer“ herleiten.

 Wer diese Bekannten nicht hatte und vor allem arme Reisende, waren auf die Gastfreundschaft der Leute angewiesen, in deren Nähe sie eine Übernachtungsmöglichkeit suchen mussten. Ein Bild von diesen wenig beneidenswerten Umständen als Fremder in fremdem Land zeigt unser Wort „elend“. Vom Wortstamm her bedeutet es, „aus der Fremde kommen“, „in der Fremde leben“. Aus dieser Vorstellung hat sich unser heutiger Sinn des Wortes als „Not“, „Armut“, „Unglück“ usw. entwickelt.

Die Wichtigkeit einer solchen Gastfreundschaft war in alter Zeit also durchaus anerkannt und ist es auch heute noch in vielen Gegenden auf der Erde. Insbesondere im orientalischen Kulturkreis, zu dem auch die Umwelt der Bibel gehört, war sie lange (und wahrscheinlich auch heute noch) weit verbreitet. Wer als Heranwachsender die Orientromane von Karl May gelesen hat, muss ihr in ihren tiefgreifenden Auswirkungen begegnet sein. Lawrence von Arabien erwähnt sie beiläufig in seinem Buch zum ersten Weltkrieg.

Unter den dargelegten Umständen war Gastfreundschaft demnach eine ernste Notwendigkeit für einen Reisenden. Aber sie war auch eine bedeutungsvolle Pflicht für den sie Ausübenden. Wir lesen, wie Abraham gastfrei gegen die drei Fremden war, die bei der Hitze des Tages zu ihm kamen (1. Mose 18). Auch Lot in Sodom war gastfreundlich (1. Mose 19), ebenso der nicht mit Namen genannte Ephraimiter in Gibea (Richter 19). In den beiden letzten Ereignissen erblicken wir zudem zwei wichtige Aspekte im Zusammenhang mit unserem Gegenstand. Zum einen sehen wir, wie dort die Gastfreundschaft von der Einwohnerschaft dieser Orte missachtet wurde, und zwar von solchen Menschen, die sich in der Folge als außerordentlich Gott- und sittenlos erwiesen. Zum anderen offenbarten die Angebote, welche die Gastgeber an ihre Bedränger machten, welchen hohen Stellenwert die Gastfreundschaft in ihren Augen einnahm. Sie war ihnen heilig, ein Bruch der Gastfreundschaft eine unentschuldbare Pflichtverletzung.

Die ernste Verpflichtung, welche die Übernahme einer Gastfreundschaft mit sich brachte, lässt uns verständlich werden, warum Gastfreiheit im Neuen Testament nicht als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird und infolgedessen gefordert werden muss. Zu der im vorigen Abschnitt geschilderten Verteidigung seines Gastfreundes brachte Gastfreundschaft natürlich auch eine wirtschaftliche Belastung und evtl. Arbeit und Mühe. Darum sollte sich ein die Gastfreundschaft Genießender dankbar verhalten. Zum Beispiel war es äußerst unhöflich, in einem Ort den ersten Gastgeber zu verlassen und zu einem anderen überzugehen. Das ist ein Aspekt (parallel zur geistlichen Bedeutung), warum der HERR JESUS einen solchen Wechsel des Wohnhauses verbietet (z. B. Matthäus 10, 11).

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wollen wir uns kurz mit den erwähnten fünf Bibelstellen beschäftigen. Zwei davon sind, wie wir uns schon erinnert haben, an Judenchristen gerichtet (Hebräer 13, 2; 1. Petrus 4, 9). Für einen Juden zur Zeit des HERRN JESUS war Gastfreundschaft seinen Volksgenossen gegenüber eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber wie war es bei einem nicht-jüdischen Mitchristen? Wir lesen in Apostelgeschichte 11 von den Vorwürfen, welche die Gemeinde in Jerusalem Petrus machte, weil er bei dem Römer Kornelius eingekehrt war. Paulus schildert in Galater 2, wie derselbe Petrus seine christliche Freiheit im Zusammenhang mit Mahlzeiten bei Anwesenheit von nicht-jüdischen Gläubigen verleugnete. Hier wird zwar nicht ausdrücklich von Gastfreundschaft gesprochen; doch Gastfreiheit ist wohl auf jeden Fall mit der Einnahme von gemeinsamen Mahlzeiten verbunden. Daher hatten es gerade die jüdischen Christen in besonderer Weise nötig, auf  uneingeschränkte Gastfreundschaft hingewiesen zu werden.

Die nicht-jüdischen Römer hingegen benötigten nur eine einzige Aufforderung (Römer 12, 13), weil sie diese scheinbar von GOTT gegebenen Vorbehalte nicht hatten. Trotzdem war sie erforderlich; denn sie pflegten Gastfreundschaft nicht so intensiv und waren diese nicht so gewohnt, wie ihre jüdischen Mitgläubigen den Volksgenossen gegenüber.

Die letzten beiden Bibelverse stehen innerhalb der wichtigen Anweisungen, nach welchen Gesichtspunkten Älteste (oder Aufseher) in einer Versammlung eingesetzt werden sollten (1. Timotheus 3, 2; Titus 1, 8). Zu den notwendigen Kriterien gehörte auch die Gastfreiheit. Älteste mussten in jeder Hinsicht Vorbilder innerhalb einer Versammlung sein. Außerdem waren sie die Ansprechpersonen für durchreisende Geschwister im Auftrag des HERRN als Missionare, Evangelisten oder Prediger (3. Johannesbrief). Was für ein Zeugnis wäre es, wenn solche Geschwister von denen abgewiesen wurden, die sie ganz besonders herzlich hätten aufnehmen sollen?! Auch Witwen, die von einer Versammlung regelmäßig wirtschaftliche Unterstützung empfangen, sozusagen als eine Art Pension, mussten unter anderem Fremde beherbergt haben (1. Timotheus 5, 10).

Zum Abschluss wollen wir uns noch Gedanken dazu machen, was diese Ermahnung in Römer 12, 13 uns zu sagen hat. In Kürze: Auch wir sollten nach biblischer Gastfreundschaft trachten. Doch was ist Gastfreundschaft heutzutage, da auch die Gläubigen auf Reisen zu Recht normalerweise in gut geführten Hotels und Pensionen übernachten? Genau genommen gehören wechselseitige Einladungen in die Häuser von Geschwistern zu gemeinsamen Mahlzeiten nicht dazu. Im besten Fall handelt es sich dabei um christliche Gemeinschaft, wenn der HERR JESUS der Mittelpunkt dieses Treffens ist, andernfalls um einfache Geselligkeit.

Ein Beispiel für GOTT-gemäße Gastfreundschaft haben wir schon gesehen, nämlich die Aufnahme von reisenden Geschwistern, die für das Werk des HERRN unterwegs sind. Doch auch jede andere Form von Gastfreiheit gegen solche, die eine wirtschaftliche, geschwisterliche und geistliche Betreuung nötig haben, ist, wie ich denke, unter christlicher Gastfreundschaft eingeschlossen. Dabei denke ich an die Aufnahme von jungen gläubigen Wehrpflichtigen oder Studenten, die in eine ihnen fremde Stadt verpflanzt worden sind. Sie haben zwar normalerweise ein Nachtquartier und werden auch mit den notwendigen Speisen versorgt. Doch sie benötigen so etwas wie eine Heimat, eine Zuflucht, in die sie sich aus und vor den Verführungen und Versuchungen der Welt zurückziehen können – aus einer Umwelt, die gekennzeichnet ist, von einer ungeistlichen Atmosphäre. Dahin dürfen wir, wie ich denke, unsere Aufmerksamkeit lenken, wenn wir wirklich nach Gastfreiheit streben. Damit ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass es nicht noch andere Zielgruppen für christliche Gastfreundschaft gibt, wie Fremde und Einsame aufgrund ihres sozialen Status oder ihrer Herkunft aus fremden Ländern. Jeder, der der Aufforderung des Wortes GOTTES folgen will, muss sich dazu vom HERRN JESUS weisen lassen.

Anmerkung: Die vorstehenden Gedanken sollen nur einen kurzen Überblick über einige Gesichtspunkte zum Thema „Gastfreundschaft im Altertum“ geben. Wer sich ausführlicher informieren möchte, sei auf das Standardwerk von Hiltbrunner verwiesen.

Literatur:

  • Bauer, Walter (1971): Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments…, durchges. Nachdr. der 5. Aufl., Walter de Gruyter, Berlin/New York, Sp. 1084, 1702
  • Hiltbrunner, Otto (2005): Gastfreundschaft in der Antike und im frühen Christentum, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
  • Lawrence, Thomas Edward (1926): Die sieben Säulen der Weisheit (das englische Orig. erschien 1926. Es gibt verschiedene dt. Ausgaben)
  • Ohler, Norbert (1991): Reisen im Mittelalter, dtv, München
  • Pfeifer, Wolfgang (Hrsg.) (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, dtv, München, S. 277

Quelle: Neues und Altes aus der biblischen Schatzkammer (Matthäus 13, 52), Heft 100, Juli/August 2015, S. 1 ff. (red. bearbeitet)

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