18 Thesen zu den modernen Bibelübersetzungen

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Johannes 8, 31.32
Wenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
BeachLife / Pixabay
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1. Seit einer Generationen verdrängen moderne Bibelübersetzungen die alten aus dem Gebrauch. Dies geschieht zum Teil gegen den Willen der Herausgeber – aber es geschieht. (Sie sind nicht nur „Einsteigerbibeln“, sondern weithin auch „Verdrängerbibeln“.)

2. Diese modernen Übersetzungen versprechen eine grössere Verständlichkeit bei gleichzeitiger inhaltlicher Treue. Der Anspruch, den sie erheben, ist gross: Eine solche Übersetzung „vereint die selbstverständliche Treue zum Original mit dem Bemühen um grösstmögliche Verständlichkeit. Sie kann genauer als eine ‹wörtliche› Übersetzung angeben, was die Aussage des Textes in einer bestimmten Stelle ist“ (Nachwort „Gute Nachricht“ 1997). „Sie soll auf ihre Leser möglichst die gleiche Wirkung haben, wie sie das Original auf die damaligen Leser hatte!“ (Einleitung „Hoffnung für alle“ 2002).

3. In diesen modernen Bibelausgaben finden sich aber schwerwiegende Umdeutungen, in denen natürliche Gedanken das Bibelwort überlagern. In ihnen wird anschaulich, dass Wollen und Vollbringen (Römer 7,19) nicht dasselbe sind: die modernen Theorien führen nicht zu einer treuen, geduldigen und kampfbereiten kirchlichen Praxis, sondern zu einem eigenwillig verengten Verständnis dieser Praxis.

4. Der Vergleich zwischen dem Bibeltext in den Ursprachen und den klassischen Bibelübersetzungen auf der einen und den modernen Bibelübersetzungen auf der anderen Seite zeigt unter anderem:

a) An vielen Stellen, wo GOTT die handelnde Person ist, nimmt der Mensch diese Stellung ein.

b) Wichtige Dimensionen des Bibelwortes werden verdrängt, wie die Heiligkeit und die Herrschaft Gottes und die Knechtschaft seiner Erwählten.

c) Der Leib wird einseitig negativ bewertet. Dass GOTT ins Fleisch gekommen ist und Seine Gnade gerade den Leib umfangen und in Dienst nehmen will, wird im Text oft unterdrückt.

d) Das Wort als Wort wird ersetzt durch die direkte Begegnung. Wo vom Geschenk des Wortes, von Satzungen, Geboten, Weisungen die Rede ist, wird dies ersetzt durch abstraktere Formeln, die eine unmittelbare Gottesbeziehung versprechen.

e) Wo der Glaube gefragt ist, wird dies mit einem Erkennen, Erfahren oder Erleben gedeutet.

5. Darin spiegeln sich Vorstellungen und Erwartungen, die zu allen Zeiten die Gemeinde CHRISTI als nahe liegende, aber irreführende Meinungen begleitet haben. Ungute Entwicklungen werden dadurch gefördert:

a) In den Gemeinden verbreitet sich ein Aktivismus. Die Glaubenden fühlen sich zu mehr Leistung gedrängt. Der Erfolg wird zum Maßstab.

b) Der Respekt vor dem Geheimnis schwindet.

c) Geistige Leistungen werden höher bewertet als körperliche; Geschlechtlichkeit und Mutter- und Vaterschaft verlieren ihre Würde, das Wasser der Taufe verliert seine Bedeutung, und Krankheit, Tod und Begräbnis werden zu scheinbar bedeutungslosen Randerscheinungen.

d) Die Sorgfalt und Treue im Umgang mit dem Wort wird zersetzt. Die äußeren Rechtsordnungen wie die gegebenen Zusagen verlieren ihre bindende Kraft. Wichtig scheint nicht das Wort, sondern die Absicht, der Wille.

e) In die Frömmigkeit drängt sich das Begehren nach Erlebnissen. Das gute Gefühl wird zum Maßstab, und man verlangt, dass möglichst alles möglichst unmittelbar verständlich und anwendbar sein müsse.

6. Grundlegend für die modernen Übersetzungen ist die Theorie Eugene A. Nidas (amerikanische und internationale Bibelgesellschaft). Nach seiner Lehre von der sogenannten dynamisch-funktionalen, dynamisch-äquivalenten oder auch kommunikativen Methode müssen die Übersetzer nicht Worte und Sätze, sondern das Verstehen und die Wirkung von einer Sprache in die andere übertragen. Die kreative Leistung, die von den Übersetzern gefordert wird, ist unvergleichlich viel größer als bei allen klassischen Übersetzungen. Die Übersetzer müssen den Leuten nicht „auf’s Maul“ schauen (Luther), sondern in das Verstehen. Diese Methode muss den Übersetzern in der Regel mit Macht aufgedrängt werden: „Es braucht vier Wochen, um sie intellektuell…, und weitere zwei Wochen, um sie emotional willig zu machen“ dazu (Nida).

7. Bis heute fehlt eine biblisch-theologische Begründung für das Recht der angewandten Übersetzungsmethode.

8. Unsere Kritik an diesen modernen Übersetzungen richtet sich nicht nur gegen einzelne Fehler, sondern dagegen, dass eine neue, eigenwillige und über die Massen anspruchsvolle Methode die Übersetzungen in bestimmte Bahnen leitet. Dadurch wird der Bibeltext einer bestimmten Sprachphilosophie nachgeordnet, untergeordnet und ihr entsprechend verändert. Nach dem Urteil eines übersetzungswissenschaftlichen Standardwerkes eignet sich die von Nida vorgeschlagene Methode besonders für „naturwissenschaftliche und technische Texte“, etwa Bedienungsanleitungen, nicht aber für religiöse oder poetisch geformte Texte (W. Koller). Sie eignet sich also auf keinen Fall für die Übersetzung der Heiligen Schrift.

9. Die Behauptung ist falsch und irreführend, mit dieser Methode könne genauer als in herkömmlichen Übersetzungen angegeben werden, was der originale Sinn des ursprünglichen Textes ist. Im besten Fall kann ein Sinnelement stark herausgearbeitet werden. Dies geht aber in der Regel auf Kosten vieler anderer Sinnelemente. Zu Wort kommt, was die Übersetzer verstanden haben.

10. Es lässt sich zeigen, dass die modernen Bibelausgaben die aufklärerische Kritik an Form und Autorität in den Bibeltext eintragen: Die Bibel wird säkularisiert.

11. Es ist deshalb nötig, die modernen Bibelausgaben deutlich als freie Übertragungen zu kennzeichnen. Sowohl in ihrem Titel wie in Einführung oder Nachwort und Werbung muss deutlich ausgesagt werden, dass es sich nicht um wortgetreue Übersetzungen handelt, und dass sich diese Bibelausgaben deshalb nicht dafür eignen, das Wort GOTTES als die tägliche geistliche Nahrung aufzunehmen und es mit der ganzen Liebe und dem Vertrauen der Gotteskindschaft ins Herz zu senken.

12. Wer im Glauben wachsen und reifen will, soll und darf sich einer klassischen Bibelübersetzung anvertrauen (z. B. Zürcher, Schlachter, Elberfelder).

13. Dass uns solche zuverlässige Bibelübersetzungen gegeben sind, verdanken wir nicht einer einzelnen Methode, sondern dem Wirken des GEISTES, das an Pfingsten offenbar geworden ist. Er bewirkt, dass dieses Wort in der Gemeinde vernommen und recht beurteilt werden kann (1. Korinther 2,13).

14. Dazu bedient er sich auch der Menschen, die für den Dienst am Wort beauftragt und ausgebildet sind. Die Bibel selber fordert durch ihre Form und ihren Inhalt, dass Menschen Theologie (und also die biblischen Sprachen) studieren, und dass die Gemeinden deshalb dieses Studium fördern.

15. Wer die Bibel in richtiger Weise lesen will, bleibt angewiesen auf die Gemeinschaft der Gläubigen und die Erkenntnisse und Gaben, die Gott dieser Gemeinschaft gegeben hat und noch immer schenkt: die Rechtsordnungen und Einsichten, die uns in den Traditionen, Lehren und Liedern der Kirchen begegnen, und die Prediger, Lehrer, Leiter, die Gott zum Dienst beruft.

16. Das soll nach dem Willen Gottes so sein: Der Glaube ist keine Privatsache.

17. Als Bibelleser sollen die Glieder der Glaubensgemeinschaft aber mündig und urteilsfähig werden. Das Mittel, durch das die evangelischen Christen eine Freiheit zum Protest auch gegenüber den Pfarrern, Gemeindeleitern und den gesellschaftlichen Normen und Trends erhalten, ist die Heilige Schrift. Dazu müssen sie aber zuverlässig wissen können, was geschrieben steht.

18. Eine einfacher lesbare, wort- und textgetreue Übersetzung in die deutsche Umgangssprache ohne literarischen Anspruch wäre denkbar. Sie hätte aber in der Frömmigkeitskultur (und damit wirtschaftlich) erst eine Chance, wenn die modernen Übertragungen als solche gekennzeichnet sind. Ob eine solche neue Übersetzung eine richtige Antwort auf die Herausforderung unserer Zeit ist oder die Christenheit nur noch weiter zersplittert, ist eine offene Frage. Unzweifelhaft ist, dass es eine nie abgeschlossene Aufgabe bleibt, das Wort Gottes in den Gemeinden klar zu bewahren und weiterzugeben.

Dr. Stefan Felber, Dozent für Altes Testament am Theologischen Seminar St. Chrischona
Dr. Bernhard Rothen, Münsterpfarrer in Basel
Prof. Dr. Peter Wick, Ordinarius für neutestamentliche Wissenschaft in Bochum

Für nähere Informationen und Textbelege: http://www.bibeluebersetzung.ch

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